Philosophie

Muss ein gutes Portrait authentisch sein?


«Das Bild ist ein Produkt des empirischen Vermögens
und der produktiven Einbildungskraft.»
        —  Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, 1781

Man mag den Eindruck gewinnen, dass ich in meinen Arbeiten authentische Charaktere abbilde. Gleichwohl, es geht mir nicht darum einen Menschen möglichst in seinem eigenen Wesen darzustellen, denn — abgesehen davon, dass ein Foto dies nur recht unvollständig zu leisten vermag — ist der Versuch völlig unnötig.

Es ist gut und schön, wenn der Fall eintritt, einen Menschen derart abzubilden, dass das Portrait den Menschen angemessen spiegelt, aber es ist in der Regel schlicht nicht notwendig.


Wir erleben uns selbst

Schauen wir auf den folgenden Gedanken: Wie viele Menschen kennen das Modell persönlich und sind im Stande «den wahren Charakter» des (Ab-)Bildes zu prüfen? Nur wenige vermutlich; jedenfalls die wenigsten, die das Bild betrachten werden.

Das Bild wird also von vielen betrachtet (welche die Authentizität nicht prüfen können), und — heureka! — es funktioniert für die meisten Betrachter trotzdem! Seltsam? Nein, denn der Betrachter induziert Bilder und Muster seiner eigenen Erfahrung auf das Modell, frei von der «objektiven Eigenschaft» des abgebildeten Gegenstands.

Anders ausgedrückt: Wir erleben nicht das Modell oder das Werk des Künstlers, sondern in erster Linie uns selbst.


Blick in die eigene Prägung

Das für das einzelne Portrait wichtige «charakteristische Moment» wird hier also zum wesentlichen Teil des Betrachters selbst, denn beim Anschauen werden Muster der eigenen Vergangenheit lebendig, welche das Bild beim Betrachten freisetzt bzw. durch den Betrachter auf das Modell projiziert werden. Mit anderen Worten: Man sieht beim Betrachten in seine eigene Vergangenheit und Prägung.

Ich habe diese Erfahrung prüfen können bei Portraits aus Afrika. Die Aufnahmen von zentralafrikanischen Stammesangehörigen sind derart weit von der eigenen Sozialisation und unserem vertrauten, westlichen Phänotyp entfernt, dass ohne eine Identifikation mit der Lebensweise oder einer gemeinsamen Vergangenheit des Abgebildeten ein Portrait in diesem Sinne nicht funktioniert; zumindest nicht so, wie es bei den meisten hier gezeigten Modellen der Fall ist.



 

 

Das Gegenüber aus einem fremden «Kulturraum» hat keine persönliche Relevanz, gemeinsame Geschichte oder Prägung mit dem Betrachter, es entzieht sich der Berührung und ist folglich weniger «betreffend».

Portraits von erwachsenen oder reifen Menschen eignen sich übrigens deutlich besser für meine Arbeit als Abbildungen junger Menschen oder Kinder, denn vom Leben gezeichnete Gesichter spiegeln die eigene Erfahrung des Betrachters weit umfangreicher und tiefer.


Warum sind die Portraits ernst statt heiter?

Wenn man sich den eigenen Tag mit einem Spiegel vor dem Gesicht vorstellt, wird man feststellen, dass man die meiste Zeit nicht mit einem «Cheese» auf den Lippen herumläuft; dies sähe wohl auch recht befremdlich, da unnatürlich aus. Im Dialog mit anderen Menschen grinst man selten so entrückt und inszeniert, wie auf den Portraits von Hochglanz-Magazinen oder auf den Hochzeits-Fotos der vielen Fotostudios seiner Stadt.

Ein von freundlichen Grimassen verzerrtes Gesicht ist mithin kaum ein natürlicher Gesichtsausdruck des jeweiligen Modells und damit für meine Arbeiten und Intention völlig unbrauchbar.



 

 

Ich überarbeite bewusst keine Makel oder Falten, welche zu einem — im traditionellen Sinne — «schöneren Portrait» führen. Ich empfinde ein Portrait dann als «echt», wenn Unzulänglichkeiten, wie zum Beispiel Hautflecken, Falten oder verknitterte Kleidung vom Idealbild der überall präsenten und beliebigen Beauty-Fotografie abrücken.


Komposition und Erscheinung

Meine Aufnahmen sind gewöhnlich farblich zurückgenommen und in einem neutralen Ambiente platziert, welches wenig vom Modell selbst ablenkt. Tatsächlich fotografiere ich kontrollierend in s/w, um das Licht und die Komposition besser kontrollieren zu können und bearbeite dann am Rechner die Farb-Aufnahme. Häufig findet sich ein so genannter «Weiß-Raum», also Platz im gesamten Motiv, welcher der zumeist eindringlichen Konfrontation mit dem direkten Blick der Person Ablenkung oder Ruhe bietet.

Durch einen deutlichen Versatz von der Mittelachse wird dabei eine gewisse Zufälligkeit einerseits und kompositorische Spannung andererseits bewahrt. Gegenstände, egal, ob authentisch oder metaphorisch gewählt, werden nur rar verwendet, sie lenken ab, denn sie fügen der Präsentation selten einen gewinnbringenden Mehrwert hinzu.

Im schlimmsten Fall sind solche hinzugefügten Accessoires ohne Bezug und wirken wie ein kitschiges Moment eher aufgesetzt und belanglos. Authentische Accessoires hingegen ergänzen die Person und sind somit erstrebenswert und wertvoll.


Intime Augenblicke

Die Modelle schauen den Betrachter bei den meisten Arbeiten direkt an, dies ist mir sehr wichtig. Portraits, bei welchen das Modell ins Off schaut, haben nämlich einen deutlichen Mangel: Der Betrachter erfährt nicht, womit sich das Modell gerade beschäftigt bzw. was die Ursache für den abgewandten Blick ist. Folglich findet hier kein Dialog zwischen dem Betrachter und der abgebildeten Person statt. «Posing» ist zumeist das austauschbare Resultat.

Wird der Betrachter hingegen mit einem direkten Blick konfrontiert, so ist die Empfindung beim Betrachten wesentlich stärker. Die emotionale Bindung — egal ob angenehm berührt oder befremdlich abgestoßen — ist weitaus größer, weil direkter. Es fällt schwer sich dem konfrontierenden Blick eines anderen Menschen zu entziehen, man prüft ihn zumindest. Je eindringlicher sein Blick, desto strenger ist die eigene Prüfung.



 

 

Die realistische Darstellung der Modelle hat einen weiteren wesentlichen Aspekt. Der Betrachter kann mit dem Modell intim sein. Eine ähnliche Nähe zum Modell von beliebiger Dauer ist in der Realität nur selten möglich, denn die abgebildeten Details sind im realen Leben nur dann in diesem Maße der Nähe und Detail erlebbar, wenn man dem Modell räumlich sehr nahe kommt, eben intim ist.